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Der Mundraub (von Johann Sonnen PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Hermann Josef Fuchs   
Montag, 20. Juli 2009

Das war mein Sohn, Herr Oberförster! oder Der Mundraub!
Von Johann Sonnen †, Bitburg-Matzen - Quelle: Heimatkalender des Kreises Bitburg-Prüm 1995

Früher mußte jeder Haushalt im Dorfe, der Brennholz aus dem Gemeindewald haben wollte, sich am Frondienst im Wald beteiligen. Das hieß: Im Frühjahr wurden Jungpflanzen gesetzt, im Herbst Bucheckern und Eicheln untergearbeitet und Dornen und Gestrüpp entfernt. Das Brennholz wurde dann im Winter geschlagen, aufgesta¬pelt und von der Gemeinde an die Berechtigten verteilt. Die Aufsicht bei allen diesen Arbeiten hatte der Gemeindediener Peter Thielen, der meist seine alte Militärmütze trug, denn er war ein ehemaliger «Dreißiger", worauf er sehr stolz war. Sein Amt führte er immer sehr gewissenhaft aus. Seinen Vorgesetzten, Oberförster Dehn, respektierte er sehr und sein Benehmen ihm gegenüber war geradezu militärisch.

So trafen sich an einem Morgen im Frühling um sieben Uhr am Hause des Peter Thielen etwa 30 meist jüngere Leute, um zum Pflanzensetzen gemeinsam in den Gemeindewald zu gehen. Alle waren mit Arbeitsgerät und Proviant für den ganzen Tag ausgerüstet. Der Sohn des Gemeindedieners hatte den Rucksack des Herrn Oberförsters zu tragen und hoffte sehr auf ein gutes Trinkgeld. Wir anderen sieben oder acht gleichaltrigen Jungs waren fast ein wenig neidisch auf die Ehre und das eventuelle Trinkgeld.

Zum Wald war es eine halbe Stunde zu gehen und der Rucksack war schwer. Wir halfen uns gegenseitig beim Tragen. „Was da wohl alles drin ist?" Die Neugierde war groß. Im Wald angekommen wurde erst mal eine kleine Pause ge¬macht. Da der Herr Oberförster und Peter Thielen sich etwas entfernten, waren wir allein! Die Gelegenheit, den Rucksack zu inspizieren war da, und schnell wurde das Geheimnis gelüftet. Ein riesiges Paket mit Broten, belegt mit Dauerwurst, kam zum Vorschein. Und da alles so schnell ging, fiel eine Scheibe der Wurst auf den Boden und wurde sofort von Peter Thielen Junior verköstigt. Da konnten wir nicht mehr wider¬stehen. Alle griffen im Nu zu. Aus den Wurstbroten wurden einfache Butterbrote. Zwei schöne dicke Äpfel wurden auch noch schnell verspeist; und schon rief man uns zur Arbeit, und wir überließen Thielen Junior und den Rucksack ihrem Schicksal.

Nun kamen uns doch einige Bedenken, und die Spannung wuchs, je näher die Mit¬tagspause herannahte. - Zwölf Uhr! Peter Thielen rief zur Mittagspause ans Feuer. Wir setzten uns ums Feuer herum und fingen an zu essen. Der Herr Oberförster hatte sich etwas abseits auf einen Baumstumpf gesetzt und packte seinen Rucksack aus. Jetzt mußte es kommen, und es kam! Wir waren alle stumm vor Spannung. „Herr Thielen!" schallte die Stimme des Oberförsters durch den stillen Wald. „Herr Oberförster", kam die Antwort des Gemeindedieners, und er flitzte rasch zu seinem Vor¬gesetzten. Militärisch stramm stand er vor ihm. „Wer hat meinen Rucksack getra¬gen?" fragte der Oberförster. „Das war mein Sohn, Herr Oberförster", antwortete Peter Thielen und dachte an das Trinkgeld, das es jetzt wohl gäbe.

Aber es kam anders. Nachdem er den Gemeindediener einige Zeit angesehen hatte, sagte der Oberförster laut und deutlich: „Dann hat Ihr Sohn mir auch die Wurst vom Brot gegessen!" Peter Thielen stand steif und starr vor seinem Vorgesetzten, und es dauerte eine Weile bis er begriff, was geschehen war. Und als dann die ganze Wahrheit herauskam, denn wir alle bekannten uns als Mittäter, und der Herr Oberförster die Sache von der lustigen Seite aufnahm, waren wir alle heilfroh und wetteiferten den ganzen Nachmittag bei der Arbeit. In den Jahren danach hörte man des öfteren noch den Ausruf des Peter Thielen: „Das war mein Sohn, Herr Oberförster!" und man lachte herzlich darüber.

 
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